{"id":8154,"date":"2014-10-16T09:35:41","date_gmt":"2014-10-16T07:35:41","guid":{"rendered":"\/?p=8154"},"modified":"2025-10-10T13:14:05","modified_gmt":"2025-10-10T11:14:05","slug":"die-fis-kopf-eines-unbehelligten-milliarden-sport-kartells","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/avantcore.de\/en\/die-fis-kopf-eines-unbehelligten-milliarden-sport-kartells\/","title":{"rendered":"FIS &#8211; Kopf eines unbehelligten Milliarden-Sportkartells"},"content":{"rendered":"<p><strong>Professionelle Skisportler rund um den Erdball haben sich \u00fcber die Athletenvereinbarung\u00a0den Regeln ihres internationalen Verbands FIS zu unterwerfen, um eine Startlizenz zu bekommen und ihren Beruf aus\u00fcben zu k\u00f6nnen. Insofern\u00a0ein normaler Vorgang, der f\u00fcr eine geordnete Durchf\u00fchrung von Sportwettk\u00e4mpfen notwendig ist.\u00a0Der Inhalt dieser Regeln allerdings gibt Anlass, einmal (mehr) \u00fcber deren Angemessenheit und Gesetzeskonformit\u00e4t nachzudenken.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/avantcore.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/rrw.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"https:\/\/avantcore.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/rrw.png\" alt=\"bikeriderlondon \/ Shutterstock.com\" width=\"419\" height=\"275\" \/><\/a>Das ma\u00dfgebliche Regelwerk der FIS findet sich in der Internationalen Skiwettkampfordnung (IWO). Diese enth\u00e4lt neben den allgemeinen Wettkampfregeln u.a. die Voraussetzungen, die von den Athleten zu erf\u00fcllen sind, um an internationalen und nationalen Wettk\u00e4mpfen teilnehmen zu k\u00f6nnen.\u00a0Der Sportler wird im Rahmen der\u00a0Athletenvereinbarung mit seinem nationalen Verband auf diese Regeln verpflichtet.\u00a0Dort hei\u00dft es u.a. wie folgt (Art. 204.1):<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Ein Nationaler Skiverband darf innerhalb seiner Struktur einen Wettk\u00e4mpfer weder unterst\u00fctzen oder anerkennen, noch ihm eine Lizenz zur Teilnahme an FIS oder nationalen Rennen ausstellen, wenn er [&#8230;] die individuelle Ausn\u00fctzung seines Namens, Titels oder pers\u00f6nlichen Bildes f\u00fcr Werbung erlaubt hat, ausgenommen wenn der betreffende Nationale Skiverband &#8211; oder dessen Pool &#8211; hierf\u00fcr einen Vertrag betreffend F\u00f6rderung, Ausr\u00fcstung oder Werbung abgeschlossen hat.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ferner (Ziff. 206.8 \/ 206.9):<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Ein Nationaler Skiverband oder dessen Pool kann Vertr\u00e4ge mit einer kommerziellen Firma oder Organisation abschliessen betreffend F\u00f6rderung, Ausr\u00fcstung und Werbung, wenn die betreffende Firma oder Organisation von dem Nationalen Skiverband als offizieller Lieferant oder F\u00f6rderer anerkannt ist. [&#8230;] Jede Entsch\u00e4digung gem\u00e4\u00df solchen Vertr\u00e4gen darf ausschlie\u00dflich an den Nationalen Skiverband oder dessen Pool gehen, der diese Entsch\u00e4digungen entsprechend den jeweiligen Vorschriften des Nationalen Skiverbandes erh\u00e4lt und verwaltet. Kein Wettk\u00e4mpfer darf direkt einen Anteil von dieser Entsch\u00e4digung erhalten, au\u00dfer dem, der unter Art. 205.6 aufgef\u00fchrt ist. Die FIS kann jederzeit eine Kopie eines solchen Vertrages anfordern.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Und schlie\u00dflich (Art. 205.6):<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Ein Wettk\u00e4mpfer, der durch seinen Nationalen Skiverband bei der FIS zur Teilnahme an FIS Rennen eingeschrieben ist, darf erhalten: volle Entsch\u00e4digung f\u00fcr Reisen zu Trainings- und Wettkampforten, volle Verg\u00fctung f\u00fcr den Unterhalt w\u00e4hrend des Trainings und Wettkampfes, Taschengeld, Entsch\u00e4digung f\u00fcr Verdienstausfall gem\u00e4ss den Beschl\u00fcssen seines Nationalen Skiverbandes, soziale Sicherheit einschliesslich Versicherung f\u00fcr Training und Wettbewerb, Stipendien.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer das liest und versteht, fragt sich zu recht, ob das wohl ernst gemeint und vor allem rechtskonform sein kann. Zusammengefasst steht da, dass der einzelne Athlet keine eigenen <a href=\"https:\/\/avantcore.de\/en\/topic\/entertainment-und-sportrecht\/\">(Sponsoring-) Vertr\u00e4ge<\/a> schlie\u00dfen kann und aus den Vertr\u00e4gen, die der nationale Skiverband f\u00fcr ihn schlie\u00dft, lediglich Entsch\u00e4digungsleistungen erhalten darf. Dabei muss man sich verdeutlichen, dass die meisten Athleten von ihrem nationalen Verband als selbstst\u00e4ndige (!) Unternehmer behandelt werden, also keinerlei Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge geleistet werden. Ein Unternehmer, der selbst keine\u00a0unternehmensbezogene Vertr\u00e4ge schlie\u00dfen kann?<\/p>\n<p>Genau. Die vorstehenden Regelungen bedeuten\u00a0letztlich, dass im professionellen Skisport ein Individualsponsoring nicht m\u00f6glich ist &#8211; und zwar weltweit und\u00a0unabh\u00e4ngig davon, ob es um die Vermarktung des Sportlers oder der Person geht. Eine solche Vermarktung kann und darf nach den Vorstellungen der FIS nur der nationale Verband vornehmen und auch nur dieser darf hierf\u00fcr ein Entgelt erhalten. Der Athlet dagegen darf im Grunde aus solchen ihn bzw. seine Person betreffenden\u00a0Vertr\u00e4gen nur eine Entsch\u00e4digung und\u00a0das\u00a0erhalten, was er unbedingt zum Leben braucht. Von einem Einkommen bzw. Gewinn\u00a0ist nicht die Rede.\u00a0Ein Unternehmer ohne M\u00f6glichkeit der Gewinnerzielung? Auch das. Mehr noch: werden diese Regeln nicht eingehalten,\u00a0darf der Athlet keine Lizenz erhalten und nicht an offiziellen Wettk\u00e4mpfen teilnehmen. Etwaige bestehende Lizenzen sind notwendig einzuziehen. Das kommt einem Berufsaus\u00fcbungsverbot gleich, dass immer dann greift, wenn der Sportler als Unternehmer versucht, unternehmerisch t\u00e4tig zu sein.<\/p>\n<p>Dass dieses Regelwerk so nicht zul\u00e4ssig sein kann, liegt &#8211; jedenfalls f\u00fcr Juristen &#8211; auf der Hand. Das Problem sind damit verbundene, ganz massive Wettbewerbsbeschr\u00e4nkungen, die keinerlei Rechtfertigung in sportlichen Zielsetzungen finden. Aus welchem sportlichen Grund n\u00e4mlich sollte ein Athlet seine Person nicht selbst vermarkten k\u00f6nnen? Die aus der Verbandsautonomie resultierende Rechtssetzungsbefugnis ist damit bei Weitem \u00fcberschritten, zumal es auch mit allen juristischen Anstrengungen schwer f\u00e4llt, eine gesetzeskonforme Auslegung dieser Regeln zu finden. Zu eindeutig ist der Wortlaut.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/avantcore.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/rrw.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"https:\/\/avantcore.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/rrw.png\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"254\" \/><\/a>Die Regelungen der FIS bedeuten letztlich, dass der einzelne Sportler lediglich Werkzeug des (nationalen)\u00a0Verbands ist, weil ihm nach der Konzeption\u00a0der IWO\u00a0\u00fcberhaupt keine M\u00f6glichkeit mehr bleibt, die f\u00fcr ihn so wichtigen Vermarktungsrechte am Markt anzubieten \u2013 er muss diese an den Verband \u00fcbertragen und kann selbst auch keine Vertr\u00e4ge mehr schlie\u00dfen. Dadurch kommt der Wettbewerb zwischen den verbandsangeh\u00f6rigen Sportlern &#8211; weltweit! &#8211; vollst\u00e4ndig zum Erliegen, obwohl deren Vermarktungsleistungen (Werbefl\u00e4chen \/ Pers\u00f6nlichkeit) einer starken und vor allem leistungs- und pers\u00f6nlichkeitsbezogenen Nachfrage unterliegen. Einziger verbleibender \u201eWettbewerber\u201c ist damit der nationale Verband, der \u00fcber ein faktisches Monopol verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Da der einzelne\u00a0Verband auf diese Weise eine Vielzahl von Sportlern mit demselben <a href=\"https:\/\/avantcore.de\/en\/areas-of-law\/contracts-and-terms\/\">Vertragswerk<\/a> kontrolliert, liegt ein sogenannter Sternvertrag vor, der der Kontrolle des Wettbewerbsverhaltens der gesamten nachgelagerten Marktstufe (Sportler) dient. Und auch der Nachfragemarkt (Sponsoren)\u00a0wird in der Folge vom Verband beherrscht. Zum einen haben von vornherein nur die (zahlenden) Kooperationspartner des Verbands \u00fcberhaupt eine Chance, Vermarktungsrechte der begehrten Sportler in Anspruch nehmen zu k\u00f6nnen, weil diese am Markt nicht frei verf\u00fcgbar sind. Dies w\u00e4re in einem funktionierenden Wettbewerb anders. Zum anderen bleibt der Nachfrageseite\u00a0 f\u00fcr die nachgefragten Leistungen nur noch ein Ansprechpartner: der Verband.\u00a0Dieser sichert sich so mit Hilfe der FIS-Regeln\u00a0ein absolutes Monopol in seinem Sportbereich und damit eine markbeherrschende Stellung, die regelm\u00e4\u00dfig auch dazu missbraucht wird, einzelne Sportler und Sponsoren\u00a0 durch willk\u00fcrliche <a href=\"https:\/\/avantcore.de\/en\/expertise\/agb\/\">Vertragsbedingungen<\/a>\u00a0zu \u00fcbervorteilen.\u00a0Das eigentliche Problem\u00a0liegt aber darin, dass der aufgrund des im Verbandsrecht herrschenden Ein-Platz-Prinzips per se marktbeherrschende Verband von beiden Marktseiten Vertragsbedingungen fordert und auch bekommt, die in einem wirksamen Wettbewerb so wohl kaum m\u00f6glich w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sind die vorstehenden Wettbewerbsbeschr\u00e4nkungen auch nicht freistellungsf\u00e4hig, weil ihnen s\u00e4mtlich eine sportspezifische Zielsetzung fehlt. Im Gegenteil:\u00a0die Verb\u00e4nde folgen\u00a0rein wirtschaftlichen Erw\u00e4gungen und sch\u00e4digen damit die Sportler und die Verbraucher (= Sponsoren) gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p>Freilich gibt es massive Unterschiede in der praktischen Umsetzung der FIS-Regeln durch die nationalen Skiverb\u00e4nde. W\u00e4hrend man in Deutschland beim DSV bem\u00fcht ist, im wohlverstandenen Interesse der Athleten\u00a0eine liberale Auslegung zu finden und zu leben, nutzen andere Verb\u00e4nde die ohnehin schon rechtswidrige Lage voll zu ihren Gunsten aus, um ihre Interessen\u00a0auf dem R\u00fccken der Athleten\u00a0durchzusetzen. Oft geht es\u00a0dabei um Macht, Geld,\u00a0Vetternwirtschaft, pers\u00f6nliche Befindlichkeiten und alles andere, nur nicht um den Sport und schon gar nicht um die Sportler. &#8220;Fair Play&#8221; sieht definitiv anders aus.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/avantcore.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/rrw.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"https:\/\/avantcore.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/rrw.png\" alt=\"Rob Kints \/ Shutterstock.com - We are Anonymous\" width=\"419\" height=\"275\" \/><\/a>Im Ergebnis ist damit festzuhalten, dass die FIS-Regeln in dem angesprochenen, f\u00fcr die Athleten \u00e4u\u00dferst wichtigen Punkt der Individualvermarktung, jedenfalls in Europa gegen geltendes Kartellrecht versto\u00dfen und damit nichtig sind. Einzig das faktische Monopol der FIS und der nationalen Verb\u00e4nde und das damit verbundene Drohpotential haben bislang verhindert, dass das Thema juristisch aufgearbeitet wurde. Dies k\u00f6nnte sich in Zukunft \u00e4ndern, wenn sich eine kritische Masse von Athleten oder auch Industrieunternehmen zusammenfindet, um das FIS-Reglement anzugreifen. Das k\u00f6nnte in Europa z.B. so aussehen, dass das aus der FIS, den Verb\u00e4nden der 28 Mitgliedsstaaten und auch den jeweiligen Verbandssponsoren\u00a0\u00a0bestehende Kartell offiziell bei der Europ\u00e4ischen Kommission angezeigt wird. Dabei sind dann aufgrund der Kronzeugenregelung (Straffreiheit f\u00fcr den Whistleblower) alle Beteiligten gut beraten, dabei in der ersten Reihe mitzuwirken. Dies gilt gleicherma\u00dfen f\u00fcr die Athleten. Streng genommen sind diese n\u00e4mlich &#8211; wenngleich zwangsweise &#8211; Mitglied des Kartells.<\/p>\n<p>In diesem Sinne: Athletes &#8211; fight for your rights!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Professionelle Skisportler rund um den Erdball haben sich \u00fcber die Athletenvereinbarung\u00a0den Regeln ihres internationalen Verbands FIS zu unterwerfen, um eine Startlizenz zu bekommen und ihren Beruf aus\u00fcben zu k\u00f6nnen. Insofern\u00a0ein normaler Vorgang, der f\u00fcr eine geordnete Durchf\u00fchrung von Sportwettk\u00e4mpfen notwendig ist.\u00a0Der Inhalt dieser Regeln allerdings gibt Anlass, einmal (mehr) \u00fcber deren Angemessenheit und Gesetzeskonformit\u00e4t nachzudenken.<\/p>","protected":false},"author":33,"featured_media":24106,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"single-custom-blog.php","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3049],"tags":[1950,1951,1892,408,1952,1894,1953,1954,1955,1956,1957,1958,1959,1960,1961,1962,815],"ppma_author":[3114],"class_list":["post-8154","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-athelt","tag-athlet","tag-athletenvereinbarung","tag-diskriminierung","tag-dsv","tag-ein-platz-prinzip","tag-fis","tag-individualsponsoring","tag-internationale-wettkampfordnung","tag-iwo","tag-oesv","tag-skiverband","tag-skiwettkampfordnung","tag-sponsoring","tag-sport","tag-sportler","tag-sportsponsoring"],"authors":[{"term_id":3114,"user_id":33,"is_guest":0,"slug":"noauthor","display_name":"NoAuthor","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/a2f9c36aa7da8162c9f35ca132170eaa927d38c75c19b2454e6a537a3b46f45a?s=96&d=mm&r=g","first_name":"","last_name":"","user_url":"","description":""}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8154","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/33"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8154"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8154\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/24106"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8154"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=8154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}