{"id":29340,"date":"2025-12-17T09:53:36","date_gmt":"2025-12-17T08:53:36","guid":{"rendered":"https:\/\/avantcore.de\/?p=29340"},"modified":"2025-12-17T09:53:36","modified_gmt":"2025-12-17T08:53:36","slug":"25-euro-gutschein-fuer-e-rezepte-unzulaessig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/avantcore.de\/en\/25-euro-gutschein-fuer-e-rezepte-unzulaessig\/","title":{"rendered":"25-Euro-Gutschein f\u00fcr E-Rezepte unzul\u00e4ssig \u2013 OLG Karlsruhe versch\u00e4rft die Grenzen der Rabattwerbung im Heilmittelrecht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das OLG Karlsruhe verbietet einen 25-Euro-Gutschein f\u00fcr E-Rezepte als unzul\u00e4ssige Werbegabe im Sinne des \u00a7 7 Abs. 1 Satz 1 HWG.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mit seinem <a href=\"https:\/\/www.landesrecht-bw.de\/perma?d=NJRE001627874\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Urteil vom 9. Dezember 2025 (Az. 14 U 49\/25)<\/a> hat das <strong>OLG Karlsruhe<\/strong> eine in der Praxis hochrelevante Leitentscheidung zur <strong>Rabattwerbung und Gutscheinwerbung von Versandapotheken<\/strong> getroffen. Der Senat stellt klar: Ein <strong>25-Euro-Gutschein f\u00fcr die Einl\u00f6sung eines E-Rezepts<\/strong> verst\u00f6\u00dft gegen das <strong>Werbegabenverbot des \u00a7 7 HWG<\/strong> und ist zugleich <strong>anti-competitive<\/strong>. Die Entscheidung reiht sich stringent in die j\u00fcngere h\u00f6chstrichterliche Rechtsprechung ein (\u00fcber ein neueres Urteil des BGH haben wir <a href=\"https:\/\/avantcore.de\/en\/gutscheinwerbung-fuer-apotheken-grenzen-und-haftung\/\">bereits berichtet<\/a>) und setzt zugleich einen deutlichen Akzent gegen kreative Umgehungsmodelle im Umfeld des E-Rezepts.<\/p>\n<h4><strong>Ausgangslage: E-Rezept, Wettbewerb und die Versuchung der Wertreklame<\/strong><\/h4>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-29345\" src=\"https:\/\/avantcore.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/stockphotoscom-8733440-300x168.jpg\" alt=\"25 Euro-Gutschein f\u00fcr E-Rezepte unzul\u00e4ssige Werbegabe HWG\" width=\"300\" height=\"168\" srcset=\"https:\/\/avantcore.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/stockphotoscom-8733440-300x168.jpg 300w, https:\/\/avantcore.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/stockphotoscom-8733440-18x10.jpg 18w, https:\/\/avantcore.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/stockphotoscom-8733440.jpg 640w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Seit der fl\u00e4chendeckenden Einf\u00fchrung des <strong>E-Rezepts<\/strong> hat sich der Wettbewerb zwischen Vor-Ort-Apotheken und ausl\u00e4ndischen Versandapotheken sp\u00fcrbar intensiviert. Insbesondere <strong>Gutscheinmodelle und Rabattmodelle<\/strong> werden gezielt eingesetzt, um die Entscheidung der Versicherten f\u00fcr einen bestimmten Anbieter zu beeinflussen. Genau hier greift das Heilmittelwerberecht regulierend ein.<\/p>\n<p>Der Gesetzgeber misst der <strong>Sachlichkeit der Arzneimittelentscheidung<\/strong> herausragende Bedeutung bei. \u00a7 7 HWG soll verhindern, dass finanzielle Vorteile \u2013 auch in scheinbar moderater Form \u2013 Patienten zu einem <strong>Zuviel-, Fehl- oder Vorratsgebrauch<\/strong> von Arzneimitteln verleiten. Das Urteil des OLG Karlsruhe verdeutlicht, dass diese Schutzmechanismen auch im digitalen Vertrieb und beim E-Rezept uneingeschr\u00e4nkt gelten.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4><strong>Der konkrete Fall: 25 Euro-Gutschein f\u00fcr E-Rezepte als Anreiz zur App-Einl\u00f6sung<\/strong><\/h4>\n<p>Im Streitfall hatte eine niederl\u00e4ndische Versandapotheke gesetzlich Krankenversicherte per E-Mail beworben. Versprochen wurde ein <strong>25-Euro-Gutschein <\/strong>f\u00fcr E-Rezepte, wenn das E-Rezept erstmals \u00fcber die hauseigene App eingel\u00f6st wird. Der Gutschein wurde unmittelbar im Bestellprozess verrechnet, konnte nicht nur f\u00fcr <strong>prescription medicines<\/strong>, sondern auch f\u00fcr <strong>OTC-Produkte und weitere Waren<\/strong> eingesetzt werden und verfiel, soweit der Bestellwert nicht ausreichte.<\/p>\n<p>Eine Apothekerkammer sah darin einen klaren Versto\u00df gegen das <strong>Therapeutic Products Advertising Act<\/strong> und nahm die Versandapotheke erfolgreich im einstweiligen Rechtsschutz in Anspruch. Die hiergegen gerichtete Berufung blieb vor dem OLG Karlsruhe ohne Erfolg.<\/p>\n<h4><strong>Zentrale rechtliche W\u00fcrdigung: Unzul\u00e4ssige Werbegabe nach \u00a7 7 HWG<\/strong><\/h4>\n<p>Das OLG Karlsruhe qualifiziert den Gutschein f\u00fcr E-Rezepte eindeutig als <strong>Werbegabe<\/strong> im Sinne des \u00a7 7 Abs. 1 Satz 1 HWG. Ma\u00dfgeblich ist dabei nicht die technische Ausgestaltung des Rabatts, sondern seine <strong>wirtschaftliche und psychologische Wirkung<\/strong> auf den Verbraucher.<\/p>\n<p>Der Senat betont, dass der Begriff der Werbegabe weit auszulegen ist und jede <strong>nicht berechnete geldwerte Verg\u00fcnstigung<\/strong> erfasst, die der Empf\u00e4nger als Geschenk wahrnimmt. Genau das sei bei einem <strong>Wertgutschein<\/strong> der Fall. Dass der Gutschein f\u00fcr E-Rezepte im selben Bestellvorgang eingel\u00f6st werde, \u00e4ndere nichts an seinem Charakter. Entscheidend sei vielmehr, dass der Vorteil <strong>\u00fcber den eigentlichen Bedarf hinauswirkt<\/strong>.<\/p>\n<h5><strong>Kein zul\u00e4ssiger Barrabatt, sondern Anreiz zum Mehrkauf<\/strong><\/h5>\n<p>Besonders instruktiv ist die Abgrenzung zu zul\u00e4ssigen <strong>unmittelbaren Preisnachl\u00e4ssen<\/strong>. Nach Auffassung des Senats fallen unter die Ausnahme des \u00a7 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 lit. a HWG ausschlie\u00dflich <strong>direkt preisreduzierende Ma\u00dfnahmen<\/strong>, nicht jedoch Gutscheine, die erst durch zus\u00e4tzliche K\u00e4ufe wirtschaftlich sinnvoll genutzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gerade bei gesetzlich Versicherten liegt die <strong>Zuzahlung f\u00fcr Rx-Arzneimittel regelm\u00e4\u00dfig zwischen 5 und 10 Euro<\/strong>. Ein Gutschein f\u00fcr E-Rezepte \u00fcber 25 Euro entfaltet daher zwangsl\u00e4ufig einen erheblichen Anreiz, weitere Produkte \u2013 insbesondere <strong>nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel<\/strong> \u2013 in den Warenkorb zu legen. Der Senat formuliert hier ausgesprochen deutlich: Der Rabatt wirkt nicht punktuell, sondern <strong>lenkt das Nachfrageverhalten<\/strong> in eine gesundheitsrechtlich sensible Richtung.<\/p>\n<h5><strong>Schutz vor Selbstmedikation und Gleichstellung von Arzneimitteln mit Konsumg\u00fctern<\/strong><\/h5>\n<p>Das OLG Karlsruhe stellt die Entscheidung ausdr\u00fccklich in den Kontext der aktuellen <strong>BGH- und EuGH-Rechtsprechung<\/strong>. Ein Gutschein f\u00fcr E-Rezepte, der OTC-Arzneimittel anderen Konsumg\u00fctern gleichstellt, verschleiert nach Auffassung des Senats deren <strong>besonderen therapeutischen Charakter<\/strong>. Der Verbraucher werde von einer n\u00fcchternen Pr\u00fcfung der medizinischen Erforderlichkeit abgelenkt.<\/p>\n<p>Damit greift der Senat einen Kerngedanken des Heilmittelwerberechts auf: Arzneimittel sind keine gew\u00f6hnlichen Waren. Wer sie durch einen Gutschein f\u00fcr E-Rezepte faktisch zu \u201eMitnahmeartikeln\u201c macht, \u00fcberschreitet die wettbewerbsrechtlich zul\u00e4ssige Grenze.<\/p>\n<h5><strong>Keine Entlastung durch Unionsrecht oder Preisbindungsargumente<\/strong><\/h5>\n<p>Auch unionsrechtliche Einw\u00e4nde lie\u00df das OLG Karlsruhe nicht gelten. Das Heilmittelwerbegesetz kenne einen <strong>eigenst\u00e4ndigen, weiter gefassten Werbebegriff<\/strong> als die Richtlinie 2001\/83\/EG. Dass der EuGH Apothekenwerbung teilweise anders einordnet, \u00e4ndere nichts daran, dass <strong>\u00a7 7 HWG bewusst streng ausgestaltet<\/strong> ist und auch die Werbung von Apotheken f\u00fcr Arzneimittel erfasst.<\/p>\n<p>Ebenso konnte offenbleiben, ob zus\u00e4tzlich ein Versto\u00df gegen <strong>Preisvorschriften des SGB V<\/strong> vorliegt. Die Unzul\u00e4ssigkeit ergab sich bereits aus dem Versto\u00df gegen das Werbegabenverbot.<\/p>\n<h4><strong>Praxishinweis: Klare rote Linie f\u00fcr Gutscheinmodelle<\/strong><\/h4>\n<p>Die Entscheidung des OLG Karlsruhe ist ein <strong>deutliches Signal an den Markt<\/strong>. Wer die Einl\u00f6sung von E-Rezepten mit <strong>hochwertigen Gutscheinen oder Rabatten<\/strong> wie dem streitgegenst\u00e4ndlichen 25 Euro-Gutschein f\u00fcr E-Rezepte verkn\u00fcpft, begibt sich in erhebliches <strong>abmahn- und prozessuales Risiko<\/strong>.<\/p>\n<p>Versandapotheken sind gut beraten, Werbema\u00dfnahmen strikt auf <strong>zul\u00e4ssige, echte Preisnachl\u00e4sse<\/strong> zu beschr\u00e4nken und jede Kopplung zwischen Rezept\u00adeinl\u00f6sung und Vorteilen f\u00fcr <strong>OTC-Produkte oder sonstige Waren<\/strong> zu vermeiden. F\u00fcr Apothekerkammern, Wettbewerber und Verb\u00e4nde liefert das Urteil zugleich eine <strong>belastbare Argumentationsgrundlage<\/strong>, um gegen aggressive Rabattstrategien vorzugehen.<\/p>\n<p><strong>Conclusion:<\/strong> Das OLG Karlsruhe macht unmissverst\u00e4ndlich klar, dass das <strong>E-Rezept kein Einfallstor f\u00fcr Wertreklame<\/strong> ist. Die Grenze zwischen zul\u00e4ssigem Wettbewerb und <strong>unzul\u00e4ssiger Werbegabe<\/strong> verl\u00e4uft dort, wo finanzielle Vorteile das Arzneimittel vom Heilmittel zum Lockprodukt degradieren.<\/p>\n<p>Gerne unterst\u00fctzt unsere u.a. auf das <strong><a href=\"https:\/\/avantcore.de\/en\/areas-of-law\/competition\/\">Competition Law<\/a> and <a href=\"https:\/\/avantcore.de\/en\/areas-of-law\/medicines-law\/\">Therapeutic products advertising law<\/a><\/strong> spezialisierte Kanzlei <strong>AVANTCORE RECHTSANW\u00c4LTE<\/strong> in Stuttgart Apotheken, Versandh\u00e4ndler und Verb\u00e4nde bei der rechtssicheren Gestaltung von Werbema\u00dfnahmen rund um das <strong>E-Rezept<\/strong> sowie bei der Durchsetzung oder Abwehr entsprechender <strong>wettbewerbsrechtlicher Anspr\u00fcche<\/strong>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das OLG Karlsruhe verbietet einen 25-Euro-Gutschein f\u00fcr E-Rezepte als unzul\u00e4ssige Werbegabe im Sinne des \u00a7 7 Abs. 1 Satz 1 HWG.<\/p>","protected":false},"author":15,"featured_media":29345,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"single-custom-blog.php","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3049],"tags":[3721,3689,1120,40,3722,3421,1561,1039],"ppma_author":[3075],"class_list":["post-29340","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-gutschein-fuer-e-rezepte","tag-gutscheinwerbung-fuer-apotheken","tag-heilmittelwerbegesetz","tag-heilmittelwerberecht","tag-olg-karlsruhe","tag-versandapotheke","tag-verschreibungspflichtige-arzneimittel","tag-wettbewerbsrecht"],"authors":[{"term_id":3075,"user_id":15,"is_guest":0,"slug":null,"display_name":"Dr. Matthias Hesshaus","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/d5fedb90db22e1597e6f35126e51f94c849e32ae807e0e08611955aa0d02f34a?s=96&d=mm&r=g","first_name":"Dr. Matthias","last_name":"Hesshaus","user_url":"","description":""}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29340","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29340"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29340\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29345"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29340"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29340"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29340"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/avantcore.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=29340"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}